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Diagnose

Wie wird MS festgestellt?

Die Betroffenen suchen wegen Beschwerden z.B. in Form von Sehstörungen, Gleichgewichtsstörungen, Müdigkeit (mit ca. 75% das mit Abstand häufigste Symptom bei der MS) oder Gefühlsstörungen den Neurologen auf. Der wird eine neurologische Untersuchung durchführen.

Sollten sich dann anhand der Krankengeschichte und der neurologischen Untersuchung in der Tat Anhaltspunkte ergeben, die auf eine MS hindeuten könnten, so wird der Neurologe sehr wahrscheinlich die sogenannten "evozierte Potentiale" ableiten. Das Wort "evozieren" stammt aus dem englischen "to evoke", was soviel bedeutet wie auslösen. Hierbei wird ein Sinnesreiz gegeben,

  • entweder über einen Bildschirm, der ein Schachbrettmuster abbildet, das sich bewegt, wodurch die Netzhaut und somit der Sehnerv stimuliert werden. Dies wird dann VEP (Visuell evozierte Potentiale) genannt.
  • oder über Kopfhörer ein Klickreiz, wodurch das Innenohr und somit der Hörnerv stimuliert werden. Dies wird dann AEP (Akustisch evozierte Potentiale) genannt.
  • oder ein Nerv z.B. am Hand- oder Fußgelenk wird gereizt, wodurch ein Bewegungsreiz ausgelöst wird, der einen Arm- oder Beinnerv stimuliert. Dies wird dann SEP (Somatosensibel evozierte Potentiale) genannt.
Gemessen wird die Zeit, die es braucht, bis im Gehirn eine Antwort auf diesen Reiz entsteht. Da bei der MS die Reizleitung im Rückenmark und Gehirn als Folge der Demyelinisierung verlangsamt ist, ist ein verzögertes Auftreten (= Latenzverzögerung) der entsprechenden Reizantwort ein typischer Befund bei der MS.

VEP (Visuell evozierte Potentiale)

In der Abbildung zeigt die untere Spur eine deutliche Latenzverzögerung von 134 ms und zwar in der nach unten gerichteten Spitze, bei der normalerweise ca. 100 ms nach dem der Reiz auftritt und daher wird die Spitze auch P100 genannt. Die obere Spur ist normal bei 107 ms.

Kann so durch Krankengeschichte, Klinik und evozierte Potentiale der Verdacht auf MS untermauert werden, wird der Neurologe den Patienten zu einer kernspinntomographischen Untersuchung, dem MRT (Magnetic Resonance Tomography) überweisen. Das MRT weist sehr oft MS-typische Veränderungen auf, die das sichtbare Korrelat für die entzündliche Aktivität darstellen. Diese Veränderungen sind sehr oft um die Hirnkammern herum und im sogenannten Balken lokalisiert, der Verbindungsstruktur zwischen linker und rechter Gehirnhälfte, alles Strukturen, die in der Nähe zum Nervenwasser und zu den Blutgefäßen liegen. Typischerweise weisen die MS-Herde eine etwas länglich-ovale Form auf und häufig hängen auch einige Herde zusammen. Besteht eine MS langjährig, finden sich auch eine Rückbildung der Hirnmasse (Hirnatrophie) und deutliche Narben als Folge des Axonverlustes.


Die Abbildung zeigt das MRT-Bild einer langjährigen MS-Patientin. Das Gehirn selber ist dunkelgrau dargestellt, das Nervenwasser in den Hirnkammern schwarz und die MS-Herde liegen vorwiegend an der Wand dieser Hirnkammern an, was ein sehr typischer Befund ist (siehe den weißen Saum um die Hirnkammern im linken Teil der Abbildung). Weitere MS-Herde liegen in der Nachbarschaft und zeigen sich ebenfalls weiß, wobei vor allem im rechten Teil der Abbildung erkennbar wird, dass die Herde teilweise zusammenfließen und ineinander übergehen, was ebenfalls ein recht typischer Befund ist.

MRT-Aufnahme vom Gehirn einer MS Erkrankten

MRT-Aufnahme vom Gehirn einer langjährigen MS Erkrankten

Sollten auch die MRT-Aufnahmen MS-verdächtig sein, so ist die Diagnose durch die Untersuchung des Nervenwassers zu erhärten. Hierbei wird eine dünne Nadel im Bereich der Lendenwirbelsäule, zwischen den Dornfortsätzen von 2 Wirbeln eingeführt und so der Sack, der mit Nervenwasser gefüllt ist, unterhalb des Rückenmarkes punktiert.

Typischerweise lassen sich bei der MS als Ausdruck der Krankheit spezifische Immuneiweiße finden (Antikörper der sogenannten IgG-Klasse, evtl. in sehr geringer Menge = oligoclonale Banden).

Technik der Liquorentnahme (Lumbalpunktion, kurz LP)

Technik der Liquorentnahme (Lumbalpunktion, kurz LP)

Grundsätzlich sind alle Untersuchungen, die für die gesamte Diagnostik notwendig sind, inkl. Einer LP ambulant durchführbar, auch wenn viele Neurologen Wert auf eine stationäre Abklärung legen.

Nach den seit 1983 gültigen Poserkriterien darf eine MS als gesichert gelten, wenn der Betroffene mindestens zwei Attacken der Krankheit im Leben hatte und die Symptomatik dieser Attacken sich auf zwei verschiedene Lokalisationen im ZNS zurückführen lassen. Die MS ist auch dann gesichert, wenn nur eine Attacke stattgefunden hat und ferner bei den zusätzlichen Untersuchungen (evozierte Potentiale) eindeutige Hinweise dafür bestehen, dass die Symptomatik auf mehrere Herde im ZNS zurückgeführt werden kann. Außerdem muss der Liquor in diesen Fällen einen typischen Befund ergeben.

In dem Bestreben, eine sichere Diagnose zu einem früheren Zeitpunkt stellen zu können, sind seit einigen Jahren andere Kriterien entwickelt worden. Erfahrungsgemäß war es immer schwer, nach einem ersten Krankheitsschub die Diagnose sicher zu stellen. Eine frühe Diagnose ist aber für die Einleitung einer dem Verlauf günstig modifizierenden Behandlung von eminenter Bedeutung. Nur so kann es dauerhaft gelingen, die immer noch mit Behinderungen einhergehende MS zu einer Krankheit zu machen, mit der man sehr viel besser, ohne oder mit nur minimaler Behinderung leben kann.
Seit 2001 sind daher die McDonalds-Kriterien entwickelt worden, die dem MRT in der Diagnose einen höheren Stellenwert beimessen. Sie wurden 2005 überarbeitet.
Wenn es nach einem ersten Schub gelingt, anhand des MRT´s im zeitlichen Verlauf (zeitliche Dissemination) eine zunehmende Zahl von Krankheitsherden an unterschiedlichen Stellen (= räumliche Dissemination) im ZNS nachzuweisen, gilt heute die Diagnose als gesichert und Expertenmeinung ist, dass dann eine Therapie begonnen werden soll.

Die McDonaldskriterien (gültig seit 2005):

Klinik (Schübe)

klinisch objektivierbare Läsionen

weitere erforderliche Nachweise

2 oder mehr

2 oder mehr

Keine, MS gesichert,
Falls weitere Untersuchungen durchgeführt,
muß das Ergebnis zur MS passen.

2 oder mehr

nur 1 Lokalisation sicher

räumliche Dissemination im MRT
oder pos. Liquorbefund und 2 oder mehr MS-typische Läsionen im MRT
oder weitere klinische Schübe

1 (erster) Schub

2 oder mehr

zeitliche Dissemination im MRT
oder zweiter klinischer Schub, Kontroll MRT nach 3 Mon.

1 (erster) Schub

nur 1 Lokalisation sicher

räumliche Dissemination
oder 2 oder mehr MS-typische Herde im MRT
und zeitliche Dissemination im Kontroll-MRT nach 3 Mon. oder zweiter klinischer Schub.



Wer noch mehr dazu lesen möchte, weitere interessante Beiträge gibt es bereits in unserem Forum / Board, z. B.:


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